So sah das Haus am Kirschberg aus, als es vom Hotel zu einem Mutter-Kind-Haus wurde. (Archivfoto: Haus am Kirschberg)

Mutige Anfänge, innovative Konzepte, verlässlicher Partner

Beitragsreihe zum 50-jährigen Bestehen des „Haus am Kirschberg“ beleuchtet Hilfe für Mütter, Kinder und junge Menschen im Spiegel der gesellschaftlichen Veränderungen

LAUTERBACH
Genaugenommen war es ein Zufall, dass Sigrid und Werner Krauss im Jahr 1972 das leerstehende Hotel „Haus am Kirschberg“ erwarben. Es war da, es war erschwinglich und es eignete sich gut für den Betrieb eines innovativen Heimes, das alleinerziehenden Müttern und ihren Kindern ein Zuhause auf Zeit geben sollte, Wohn- und Bildungsstätte gleichermaßen, Lebenshilfe, Zukunftschance.

Aus der für damalige Verhältnisse äußerst innovativen Idee, die anfangs nicht überall mit Wohlwollen gesehen wurde, entwickelte sich eine wichtige Einrichtung im Netzwerk der Heimerziehung und Jugendhilfe nicht nur im Vogelsberg, sondern im ganzen Land – ein Weg, der es wert ist, anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Hauses am Kirschberg als Jugendhilfeeinrichtung gesehen und präsentiert zu werden.

Archivfoto: Haus am Kirschberg
Ein Bild aus dem Alltag im Haus am Kirschberg der Anfangszeit: Gründerin Sigrid Krauss (Bildmitte mit Baby) mit Müttern und Kindern.

Sie hießen „gefallene Mädchen“ oder „uneheliche Mütter“ und sie waren in der bundesdeutschen Gesellschaft der 60er-Jahre ohne Chancen und Unterstützung. Ihr Alltag – insbesondere im städtischen Umfeld – war nicht selten geprägt von Not und Abhängigkeit, von Wohn- und Arbeitssituationen, die es nicht ermöglichten, ihre Kinder so zu versorgen und zu erziehen, dass für beide – Mutter und Kind – eine tragfähige Perspektive erwachsen wäre. Adoption oder öffentliche Erziehung, also die Heimunterbringung, waren gesellschaftlicher Konsens. Diese Erfahrung machte das Ehepaar Sigrid und Werner Krauss, das zu dieser Zeit bereits ein privates Kinderheim im Rhein-Main-Gebiet betrieb. Viele der betreuten Kinder wurden von den alleinerziehenden Müttern aus der blanken Not heraus abgegeben, und die Trennung von der Mutter, die Erziehung im Heim schufen oft zusätzliche emotionale Probleme, die sich gerade in der frühkindlichen Prägung auswirkten. Die Folge war, dass auch diese Kinder ihren eigenen Kindern wiederum nicht geben konnten, was für eine gesunde Entwicklung nötig wäre. So entstand ein Teufelskreis von Not und Ausgrenzung über Generationen hinweg. Sigrid und Werner Krauss wollten diesen Teufelskreis überwinden und es gelang ihnen, mit einer für diese Zeit außerordentlichen Spendenkampagne so viel Geld einzuwerben, dass sie das Haus am Kirschberg anzahlen konnten. Dafür hatten sie bereits im Jahr 1967 den Verein „Hilfe für das verlassene Kind e.V.“ gegründet. Aus dem ganzen Bundesgebiet gingen Spenden ein – ein Zeichen dafür, dass bereits viele Menschen die Not der jungen Frauen und ihrer Kinder erkannt und ernstgenommen haben. Dennoch waren bis zur Umsetzung der Idee, die schließlich in Lauterbach stattfand, fünf Jahre Vorbereitung und fünf Jahre Spendensammeln nötig.

Archivfoto: Haus am Kirschberg
Die Näherei war eine von vielen Möglichkeiten, eine Ausbildung im Haus am Kirschberg zu absolvieren.

In diese Zeit fiel auch die Entwicklung des Konzepts für das Haus am Kirschberg: Ein Mutter-Kind-Haus, in dem Frauen Schutz, Sicherheit, Betreuung und Förderung erfahren sollten. Wertschätzung sollten sie erleben, eine Chance auf ein eigenständiges Leben mit ihrem Kind bekommen. „Die Idee eines solchen Hauses war neu, nicht nur für die Region, sondern für die ganze Bundesrepublik“, erinnert sich Bodo Kester, langjähriger Geschäftsführer des Hauses am Kirschberg und von der Vereinsgründung an Weggefährte der Familie Krauss, damals noch als Zivildienstleistender. Er weiß, wie mutig diese Entscheidung war: Trotz des hohen Spendenaufkommens und der damit einhergehenden Würdigung der neuen Idee, waren die Anfangsjahre geprägt von großer Unsicherheit für die Betreiber, denn die Gesetzgebung hatte für die Finanzierung eines solchen Angebots noch keinen Rahmen geschaffen. Der Verein funktionierte zwar als Träger, doch die finanziellen Mittel, die sich noch heute zu einem wichtigen Teil aus Spenden zusammensetzen, waren nach dem Kauf der Immobilie zunächst aufgebraucht. Einweisende Stellen waren oft Jugendämter aus Städten aus dem ganzen Bundesgebiet. Dass es damals gelang, das Haus am Leben zu halten, trotz der Kreditverpflichtungen, der laufenden Kosten und des nicht kostendeckenden Pflegesatzes, sei auch auf die Bereitschaft zur Selbstausbeutung aller Beteiligten zurückzuführen, erinnert sich Kester.

Mit seinem Konzept beeindruckte das Haus am Kirschberg die bundesdeutsche Jugendhilfelandschaft, wo es mehr und mehr an Renommee gewann. Mit den Jahren wurde auch die Finanzierung des Hauses auf sichereren Boden gestellt: Der Staat hatte die Notwendigkeit erkannt und die Spender waren verlässlich zur Seite. „Ohne sie und ihre Unterstützung hätten wir die ersten Jahre nicht geschafft“, so Kester, der betont, wie wichtig auch heute noch Spenden für eine besonders gute Arbeit im Haus am Kirschberg ist. Im ersten Jahrzehnt bereits konnten neue pädagogische Formen für die Frauen und ihre Kinder entwickelt werden. „Wir sahen, dass die Frauen nur dann eine Chance hätten, ein eigenständiges Leben zu führen, wenn sie eine Berufsausbildung hätten und am Arbeitsleben teilnehmen könnten“, so Bodo Kester. Aus diesem Gedanken etablierte das Haus am Kirschberg zunächst eigene Ausbildungsplätze, später kamen Kooperationen mit Vogelsberger Unternehmen hinzu. Eine Druckerei, eine Maßschneiderei und eine Gärtnerei wurden unter der Führung des Vereins betrieben, es gab Ausbildungsgänge in Verwaltung und Hauswirtschaft. „Wir waren in diesen Jahren anerkannter Ausbildungsbetrieb für bis zu dreißig junge Menschen“, resümiert Kester, „doch mit dem Wegfall der staatlichen Finanzierung dieses Angebots ab 2010 musste es eingestellt werden.“

Neben der Etablierung des Berufsbildungsbereichs wurde im Haus am Kirschberg bald ein weiterer Bedarf deutlich: Viele der jungen Frauen hatten mit sozialen, seelischen und familiären Problemen zu kämpfen. Für sie wurde Ende der Siebzigerjahre eine eigene Betreuungsgruppe gegründet, die sich in kurzer Zeit noch einmal ausdifferenzierte in eine weitere Gruppe mit therapeutischem Schwerpunkt. Hier wurden Mädchen und junge Frauen ohne Kinder bei jugendpsychiatrischen Problemen intensivpädagogisch betreut. Dafür ging das Haus am Kirschberg eine Kooperation mit der Universität Marburg ein – ein großer Schritt in Richtung Öffnung und Netzwerkarbeit, die das Team im Haus am Kirschberg in den Folgejahren als Vorreiter in der Region vorantrieb. Für die pädagogische Arbeit im Haus am Kirschberg bedeutete dies auch der Einzug von erlebnispädagogischen Angeboten, die das Vertrauen der Mädchen in die eigenen Fähigkeiten stärken sollten. Auch hier beschritt das Haus am Kirschberg neue Wege – eine Fähigkeit, die das Haus seit Jahrzehnten trägt.

Für die ersten zehn Jahre im Haus am Kirschberg stehen Mut, Durchhaltewillen und Innovationskraft – und das Wissen, dass ohne eine breite öffentliche Unterstützung dieser große Schritt nicht möglich gewesen wäre.

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